Bereits kurz nach der Eröffnungsfeier der I. Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen finden die Vorläufe zum 100-Meter-Lauf statt. 15 gemeldete Athleten werden drei Gruppen zu fünf Teilnehmern zugelost. Die beiden Besten der drei Vorläufe werden das Finale am 10. April bestreiten. Der inoffizielle Weltrekord für die 100 Meter liegt derzeit bei 10,8 Sekunden und wird von fünf Athleten gehalten, die aus den USA, aus dem Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland und aus Belgien kommen. Kein einziger von ihnen ist bei der Olympiade am Start. 100-Meter-Lauf, Vorlauf 1
Der US-Amerikaner Francis Lane siegt im ersten Vorlauf mit 12,2 Sekunden. Diese Zeit wird als „erster olympischer Rekord“ in die Geschichte eingehen. Der Weltrekord liegt bereits seit 1891 bei 10,8 Sekunden. Seit dem 4. Juli 1891 gab es nur fünf Menschen, die diese Marke erreichten. Zweiter im Vorlauf wird der Ungar Alajos Szokolyi mit 12,8 Sekunden. Der Brite Charles Gmelin scheidet mit 12,9 Sekunden aus, die Nächstplatzierten Alphonse Grisel (Frankreich) und Kurt Doerry laufen mit unbekannter Zeit durchs Ziel, da die Zeitmessung nur für die ersten drei Athleten dokumentiert wird. 100-Meter-Lauf, Vorlauf 2
Den zweiten Vorlauf gewinnt der US-Amerikaner Thomas Curtis, ebenso wie sein Mannschaftskamerad Francis Lane im ersten Vorlauf mit 12,2 Sekunden. Da Beide die gleiche Zeit liefen, werden sie gemeinsam Träger des „olympischen Rekords“ im 100-Meter-Lauf. Zweiter wird Alexandros Chalkokondylis aus Griechenland mit 12,8 Sekunden. Der Brite Launceston Elliot geht als Dritter mit 12,9 Sekunden durchs Ziel und scheidet damit aus. Die Zeiten des nachfolgenden Dänen Eugen Schmidt und des Briten George Marshall werden als Vierter und als Fünfter nicht mehr dokumentiert. 100-Meter-Lauf, Vorlauf 3
Auch den dritten Vorlauf gewinnt ein US-Amerikaner. Thomas Burke siegt mit 11,8 Sekunden und stellt damit den von seinen beiden Mannschaftskameraden aufgestellten „olympischen Rekord“ nochmals ein. Fritz Hofmann aus Deutschland wird mit 12,6 Sekunden Zweiter, sein Landsmann Friedrich Adolph Traun scheidet mit 13,5 Sekunden aus dem Wettbewerb aus. Unbekannt sind die Zeiten der Nächstplatzierten Georgios Gennimatas aus Griechenland und Henrik Sjöberg aus Schweden.
An diesem Tag finden auch die Vorläufe zum 400-Meter-Lauf statt. Die beiden Bestplatzierten der beiden Vorläufe qualifizieren sich für das Finale. Der Weltrekord wurde am 28. Juni 1889 von dem Briten Henry Tindall mit 48,5 Sekunden aufgestellt und seither nur von einem Menschen, dem Briten Edgar Bredin, eingestellt. Beide Athleten sind bei der Olympiade nicht am Start. 400-Meter-Lauf, Vorlauf 1
Beim ersten Startversuch verursachen der Deutsche Kurt Doerry und der Franzose Alphonse Grisel einen Fehlstart und müssen sich beim zweiten Start zur Strafe etwa zwei Meter hinter ihren Kollegen aufstellen. Den Vorlauf gewinnt der US-Amerikaner Herbert Jamison leicht mit 56,8 Sekunden und etwa zwölf Metern Vorsprung auf den Deutschen Fritz Hofmann, der mit 58,6 Sekunden durchs Ziel läuft. Damit steht der „Olympische Rekord“ auf 56,8 Sekunden. Die Reihenfolge des Einlaufs von Kurt Doerry und von Alphonse Grisel bei diesem Vorlauf ist unbekannt. 400-Meter-Lauf, Vorlauf 2
Obwohl er noch geschwächt von dem kurz zuvor ausgetragenen Vorlauf über 100 Meter ist, setzt sich der Favorit Thomas Burke aus den USA mit 58,4 Sekunden klar durch. Im Ziel beträgt sein Vorsprung etwa 13,5 Meter. Der Brite Charles Gmelin geht mit 1:00,5 Minuten als Zweiter mit einem Vorsprung von elf Metern auf den Dritten, den Franzosen Frantz Reichel durchs Ziel, der 1:02,3 Minuten für diese Distanz benötigt.
Olympische Spiele / Königreich Griechenland / Vereinigte Staaten von Amerika James Conolly Der Dreisprung ist um 1540 Uhr die erste Entscheidung der modernen Olympischen Spiele und der US-Amerikaner James Connolly aus Boston, Massachusetts somit der erste Olympiasieger der Neuzeit. Zuvor haben lediglich die Vorläufe über 100 Meter stattgefunden. Vom Wettkampf wird berichtet, dass es noch keinen einheitlichen Sprungstil gibt. Lediglich Tuffèri springt in der heute üblichen Abfolge links – links – rechts oder rechts – rechts – links (heutige Bezeichnung der einzelnen Abschnitte: "Hop-Step-Jump"). Connolly führt seine Sprüngen in der Form links – rechts – links aus. Connolly springt 13,71 Meter weit. Der gegenwärtige Weltrekord wird von dem Iren Matthew Roseingreve gehalten, der am 15. August 1895 in Gort (Irland) 15,26 Meter weit sprang. Connolly wird für seinen Sprung der "Olympische Rekord" zuerkannt. Er erhält eine Silbermedaille; eine Goldmedaille ist bei Olympischen Spielen noch nicht üblich und nur die beiden Erstplatzierten einer Disziplin werden geehrt. (Bild rechts: James Brandan Connolly, USA, erster Olympiasieger der Neuzeit)
Ergebnis des Dreisprung-Wettbewerbes
Platz
Land
Athlet
Weite (m)
1
USA
James Connolly
13,71 OR
2
FRA
Alexandre Tuffèri
12,70
3
GRE
Ioannis Persakis
12,52
4
HUN
Alajos Szokolyi
12,30
5
GRE
Christos Zoumis
keine Angabe
6
GER
Fritz Hofmann
keine Angabe
GER
Carl Schuhmann
keine Angabe
Bemerkungen: Der amerikanische Springer James Connolly, der aus einer armen irisch-amerikanischen Familie aus South Bosten stammt, kam nach einer sechzehntägigen Reise aus den Vereinigten Staaten erst einen Tag vor den Wettkämpfen in Athen an. Die Harvard-Universität hatte ihrem Studenten keine Erlaubnis gegeben, nach Athen zu reisen. Daher exmatrikulierte er sich selbst, um an den Olympischen Spielen teilnehmen zu können. Bei seiner Rückkehr in die USA wird er darauf verzichten, bei seiner Universität einen Wiederaufnahmeantrag zu stellen. Er wird Journalist und erfolgreicher Schriftsteller werden. Der Zweitplatzierte Alexandre Tuffère ist ein gebürtiger Athener, dessen Teilnahme als griechisch-französischer Leichtathlet Frankreich zugerechnet wird. Der Viertplatzierte Alajos Szokolyi aus Österreich-Ungarn ist ungarischer Nationalität und stammt aus Hronec (heute Slowakei). Der deutsche Teilnehmer Carl Schuhmann ist ein Goldschmied aus Westfalen und seit 1863 Mitglied der Berliner Turnerschaft Korporation. Schuhmann folgte dem Aufruf des von Willibald Gebhardt ins Leben gerufenen Komitees für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen zu Athen, wo er der erfolgreichste internationale Teilnehmer werden soll, auch weil er der vielseitigste Sportler ist.
Um 1625 Uhr findet der Diskuswurf-Wettbewerb statt. Jeder Teilnehmer hat drei Versuche zur Verfügung (100 Jahre später werden es sechs sein). Vor dem letzten Durchgang führt Panagiotis Paraskevopoulos, mit einer Weite von 28,95 Metern, die gleichzeitig Weltrekord und Olympischen Rekord bedeuten. Mit seinem letzten Wurf überholt der US-Amerikanier Robert Garrett den Griechen noch. So gewinnt der US-Amerikaner hier seine erste Goldmedaille. Zum ersten Mal bedeutet dieser Olympische Rekord gleichzeitig eine Weltrekordweite. In dieser Disziplin stimmen die Darstellungen in den beiden zugrunde liegenden Quellen auf den vorderen Rängen weitgehend überein. Auf der IOC-Webseite ist der vierte Platz nicht aufgeführt, auch die Weite für den fünftplatzierten Georgios Papasideris fehlt dort.
Ergebnis des Diskuswurf-Wettbewerbes
Platz
Land
Athlet
Weite (m)
1
USA
Robert Garrett
29,150 WR, OR
2
GRE
Panagiotis Paraskevopoulos
28,955 OR
3
GRE
Sotirios Versis
27,780
4 ?
FRA
A. Adler
keine Angabe
4 ?
GRE
Giorgios Papasideris
keine Angabe
6
GBR
George Stuart Robertson
25,200
7
SWE
Henrik Sjöberg
keine Angabe
Bemerkungen: Der amerikanische Werfer Robert Garrett stammt aus Baltimore County in Maryland. Er kommt aus einer reichen Bankiersfamilie und studierte an der Princeton University. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen in der Leichtathletik wurde er Kapitän des Princeton Leichtathletikteams während seiner Jahre an der Unter- und an der Oberstufe. Garrett ist in erster Linie ein Kugelstoßer, wird aber auch an den Sprungdisziplinen teilnehmen. Bei seiner Nominierung als Teilnehmer der ersten Olympischen Spiele in Athen schlug Professor William Milligan Sloane, der auch Gründungsmitglied des IOC ist, ihm vor, es auch einmal mit dem in den USA unbekannten Diskuswerfen zu versuchen. Sie konsultierten Wissenschaftler, um eine Zeichnung eines Diskusses zu erhalten. Anschließend ging Garrett zu einem Schmied, um das Wurfgerät anfertigen zu lassen. Es wog etwa 5 Kilogramm, und es war nahezu unmöglich, den Diskus zu werfen. Also gab Robert die Idee auf, am Diskuswettbewerb teilzunehmen. Da er aus einer wohlhabenden Familie stammt, bezahlte er seine Überfahrt nach Athen und die von drei seiner Studienkameraden (Francis Lane, Herbert Jamison und Albert Tyler). Als er in Athen entdeckt, dass der bei den Spielen eingesetzte Diskus lediglich 2 Kilogramm wiegt, entscheidet er sich, aus Spaß an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Die griechischen Werfer werfen alle nach der überlieferten klassischen Technik, Garrett verwendet dahingegen die Drehtechnik, um die Geschwindigkeit des Diskusses beim Abwurf zu erhöhen. Garretts erste beiden Würfe sehen sehr unbeholfen aus. Der Diskus eiert durch die Luft und verfehlt nur knapp das Publikum. Sein letzter Wurf segelt jedoch 19 cm weiter als der des bis dahin besten Teilnehmers, des Griechen Panagiotis Paraskevopoulos. Dieser kann sich mit seinem letzten Wurf zwar noch einmal um Millimeter verbessern, schafft es jedoch nicht mehr, Garrett zu übertreffen.
Medaillenspiegel nach dem ersten Wettkampftag
Platz
Land
Silber
Bronze
Total
1
USA
2
0
2
2
FRA
0
1
1
GRE
0
1
1
Bemerkungen: Es werden pro Wettkampf nur zwei Medaillen vergeben: Die Silbermedaille für den Sieger und die Bronzemedaille für den Zweiten.
OTERIPEDIA!-ZÄHLUNG - Warum Oteripedia! anders zählt Robert Garrett, erfolgreichster Olympionike des Tages Bei allen athletischen Veranstaltungen entscheiden oft ein einziger Zentimeter oder eine Hundertstelsekunde darüber, wer als Sieger gefeiert wird – und wer leer ausgeht. Dabei sind die Leistungen der Athleten oft nahezu gleichwertig, nur die Bedingungen oder der Moment machen den Unterschied. Das führt dazu, dass der Erste als Held gilt – und alle anderen als Verlierer. Die Oteripedia!-Wertung setzt hier bewusst einen anderen Maßstab:
Der Sieger erhält 10 Punkte, der Zweite 9, der Dritte 8 – bis zum Zehnten mit 1 Punkt
Wer einen Olympischen Rekord aufstellt, bekommt einen Zusatzpunkt
Wer zusätzlich einen Weltrekord erreicht, erhält einen weiteren Punkt
Besonderheit 1896: Alle Olympiasieger der ersten Spiele der Neuzeit erhalten den Titel „Olympischer Rekord“ und damit ebenfalls einen Zusatzpunkt
So entsteht eine gerechtere und nachvollziehbare Wertung, die nicht nur den Sieger feiert, sondern auch die Leistung der anderen sichtbar macht. Nicht der Moment entscheidet über Bedeutung – sondern die dokumentierte Leistung. Und die Nationenwertung ist am Schluss mindestens doppelt so lang, dass viel mehr Nationen erkennen können, dass der Aufwand sich gelohnt hat.
Die erfolgreichsten Länder des ersten Wettkampftages
Platz
Land
Athlet
Punkte
1
USA
Robert Garrett
12
2
USA
James Conolly
11
3
GRE
Panagiotis Paraskevopoulos
10
4
FRA
Alexandre Tuffèri
9
5
GRE
Ioannis Persakis
8
GRE
Sotirios Versis
8
Bemerkungen: -
Die erfolgreichsten Länder des ersten Wettkampftages