Wostok 1

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WOSTOK 1

Erster bemannter Raumflug

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Erster bemannter Raumflug
Erster sowjetischer Raumflug
Start: 12.04.1961, 0607 UTC
Startbasis: Baikonur LC1
(heute Kasachstan)
Besatzung:
Juri
Alexejewitsch
Gagarin

* 1934 im Oblast Wladimir, Russland
Patch Wostok 1.jpg
WOSTOK 1
Rufzeichen: Kedr
Masse: 4730 kg
Apogäum: 315 km
Perigäum: 169 km
Zurückgelegte Strecke: 41.000 km
Landung: 12.04.1961, 0755 UTC
26 km SW von Engels
(heute Russland)
Flugdauer: 0,075 Tage
Ersatzbesatzung:
German
Stepanowitsch
Titow

* 1935 in der Region Altai, Russland
Ersatzbesatzung:
Grigori
Grigorjewitsch
Neljubow

* 1934 auf der Krim, Ukraine
Zeitraum
Chronologie der Mission WOSTOK 1
Dezember 1957
Zwei Monate nach dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten SPUTNIK 1 wird im Moskauer Entwicklungsinstitut OKB-1 eine Abteilung für Studien zur Durchführung von bemannten Weltraumflügen geschaffen. Erstes Ziel der Arbeitsgruppe ist die Entwicklung einer kugelförmigen Kapsel, die mit der Interkontinentalrakete R-7 gestartet werden soll. Da den sowjetischen Wissenschaftlern bekannt ist, dass sie mit diesem Projekt in Rivalität zu einer entsprechenden Gruppe in den Vereinigten Staaten von Amerika steht, die ebenfalls mit der Vorbereitung eines bemannten Weltraumfluges beauftragt wurde, genießt die Beschleunigung der Entwicklung hohe Priorität.
Anfang 1959
Emblem der KPdSU
In der Sowjetunion beginnt man mit der Suche nach geeigneten Kandidaten für das bemannte Weltraumprogramm. Unterstützt wird die Auswahl durch die Abteilung für Weltraummedizin, welche vom Chef der sowjetischen Luftstreitkräfte, Konstantin Werschinin, einem großen Befürworter und Unterstützer der Raumfahrt, unter Leitung von Prof. Wladimir Jasdowski eingerichtet wird. Mehr als 3000 Piloten sollen von der „Kommission für das Thema Nr. 6“, die Tarnbezeichnungen sind aufgrund der strikten Geheimhaltung des gesamten Weltraumprogramms nötig, im Laufe des Jahres 1959 überprüft und bis auf 400 Mann aus der Liste gestrichen werden. Den Ausschlag für die Rekrutierung gibt ein kritischer Blick in die Akten der Piloten. So muss jeder Aspirant ein „reines“ Verhältnis zur Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) haben sowie eine „saubere“ Biographie vorweisen können. Das bemannte Raumfahrtprogramm, so ist man sich sicher, ist ein ideales Mittel, um nicht nur den Menschen in der Sowjetunion, sondern auf der ganzen Welt, die Leistungsfähigkeit des kommunistischen Gedankens klar unter Beweis zu stellen. Aus diesem Grund sucht man nach Menschen mit "einwandfreier" Vergangenheit, die sich für Propagandazwecke nutzen lassen können.
Herbst 1959
Auf der Suche nach geeigneten Kandidaten für das bemannte Weltraumprogramm ist die Anzahl der Kandidaten von anfangs 3000 Piloten auf nur noch 400 Auserwählten geschrumpft, die nun in Gruppen zu je 20 Mann aufgeteilt und nach Moskau eingeladen werden, wo sie eingehender von Mitarbeitern der geheimen "Kommission für das Thema Nr. 6" untersucht werden sollen.
Januar 1960
In der geheimen "Kommission für das Thema Nr. 6", einer Tarnbezeichnung für die Auswahl von Kandidaten für das sowjetische Raumfahrtprogramm, bleiben von 400 Bewerbern im Herbst 1959 noch 30 Anwärter übrig. Die meisten von ihnen disqualifizierten sich für das Projekt durch den Mangel an Ausdauer. Von den letzten 30 Kandidaten sollen innerhalb eines Monats noch zehn gestrichen werden. Allen der anfänglich 3000 Bewerber wird auch jetzt noch der eigentliche Zweck der Untersuchungen verschwiegen, da man kein Risiko eingehen will und man durch das Bekanntwerden der Bemühungen um baldmögliche Erfolge die nationale Sicherheit und das internationale Prestige bedroht sieht.
11.01.1960
Da eine Ausweitung des gesamten bemannten sowjetischen Weltraumprogramms abzusehen ist, beschließt des Zentralkomitees der KPdSU die Gründung eines zentralen Kosmonauten-Ausbildungszentrums.
25.02.1960
Nach einem ein Jahr andauernden Auswahlverfahren entscheiden sich die Mitglieder der geheimen "Kommission für das Thema Nr. 6", einer Tarnbezeichnung für die Auswahl von Kandidaten für das sowjetische Raumfahrtprogramm, für die Besetzung der ersten Kosmonautengruppe, die aus 20 Piloten besteht:
  • Iwan Nikolajewitsch Anikejew, * 1933 in Swoboda, Oblast Woronesch, Russland
  • Pawel Iwanowitsch Beljajew, * 1925 in Tschelistschewo, Russland
  • Walentin Wassiljewitsch Bondarenko, * 1937 in Charkow, Ukraine
  • Waleri Fjodorowitsch Bykowski, * 1934 in Pawlowski Possad bei Moskau, Russland
  • Jewgeni Wassiljewitsch Chrunow, * 1933 in Prudy, Oblast Tula, Russland
  • Walentin Ignatjewitsch Filatjew, * 1930 in Malinwka, Oblast Tjumen, Russland
  • Juri Alexejewitsch Gagarin, * 1934 in Klutschino bei Gschatsk, Oblast Smolensk, Russland
  • Wiktor Wassiljewitsch Gorbatko, * 1934 in Wenzy-Sarja bei Krasnodar, Russland
  • Anatoli Jakowlewitsch Kartaschow, * 1932 in Perwoi Sadowoje, Oblast Woronesch, Russland
  • Wladimir Michailowitsch Komarow, * 1927 in Moskau, Russland
  • Alexei Archipowitsch Leonow, * 1934 in Listwjanka bei Kemerowo, Russland
  • Grigori Grigorjewitsch Neljubow, * 1934 in Porfirjewka, Krim, Ukraine
  • Andrijan Grigorjewitsch Nikolajew, * 1929 in Schorschely, Tschuwaschien
  • Pawel Romanowitsch Popowitsch, * 1930 in Usyn, Ukraine
  • Mars Sakirowitsch Rafikow, * 1933 in Begabad, Gebiet Dschalalabat, Kirgisien
  • Dmitri Alexejewitsch Saikin, * 1932 in Jekaterinowka, Rajon Salsk, Oblast Rostow, Russland
  • Georgi Stepanowitsch Schonin, * 1935 in Rowenki, Oblast Woroschilowgrad, Ukraine
  • German Stepanowitsch Titow, * 1935 in Werchneje Schilino, Region Altai, Russland
  • Walentin Stepanowitsch Warlamow, * 1934 in Suchaja Terejoschka, Oblast Pensa, Russland
  • Boris Walentinowitsch Wolynow, * 1934 in Irkutsk, Russland

Beljajew ist als Major mit 34 Jahren der ranghöchste und älteste Kandidat, Oberleutnant Bondarenko mit 23 Jahren der Jüngste. Leutnant Leonow hat den niedrigsten Rang. Mit Rafikow als der Ausnahme stammen alle Kandidaten aus der Russischen oder aus der Ukrainischen Sowjetrepublik.
Die Gruppe der ersten 20 Kosmonauten der Sowjetunion ist nicht die erste Auswahlgruppe von Raumfahrern, wohl aber die größte. In den USA wurden am 25. Juni 1958 bereits neun Astronauten-Anwärter in das Programm "Man in Space Soonest" berufen, unter ihnen Neil Armstrong. Am 9. April 1959 wurde dann die erste NASA-Astronautengruppe aus den legendären "Mercury-Seven" mit Scott Carpenter, Gordon Cooper, John Glenn, Gus Grissom, Walter Schirra, Alan Shepard und Deke Slayton gebildet. Im April 1960 sollen sieben Mann für die "Dyna-Soar-Gruppe 1" der USA ausgewählt werden.

März 1960
Die im Vormonat ausgewählten 20 Kosmonauten-Anwärter der Sowjetunion beginnen eine Art "Grundtraining" auf dem Moskauer Zentralflughafen "M.W.Frunse". Der theoretische Unterricht besteht hauptsächlich aus Lektionen in Physik, Himmelsmechanik, Raketentechnik und Biologie, speziell Medizin. Die Ausbildung wird geleitet von Raumfahrttheoretikern, Raketenwissenschaftlern und Konstrukteuren vom OKB-1. Kurioserweise befinden sich unter den Ausbildern auch einige, welche selbst Interesse daran haben, Kosmonauten zu werden, so beispielsweise Oleg Makarow, Alexej Jelissejew und Konstantin Feoktistow. Die praktische Ausbildung besteht aus Fallschirmspringen, Flügen mit der MiG-15, Parabelflügen mit einer Tupolew Tu-104, aber auch aus nervenzehrenden Aufenthalten in isolierten Druckkabinen (Barokammern). Die Raumfahrer werden auf Schritt und Tritt überwacht und jeder Mangel wird von den Ausbildern protokolliert, die psychische und physische Verfassung während des Trainings genau verfolgen. Da zu diesem Zeitpunkt noch keine Erkenntnisse über die Einflüsse der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus vorliegen, wird man später viele Trainingseinheiten als anachronistisch und unnötig ansehen.
15.05.1960
Vom sowjetischen Kosmodrom Baikonur aus wird der erste Prototyp eines WOSTOK-Raumschiffes mit einer modifizierten R-7-Interkontinentalrakete unbemannt gestartet. Ein Versuch, den Wiedereintritt des Raumfahrzeuges einzuleiten, misslingt.
31.05.1960
Das sowjetische bemannte Raumflugprogramm verläuft weiterhin planmäßig, die Ausbildung der Kosmonauten schreitet voran und das Fluggerät ist fertiggestellt. Es wird vorgeschlagen, bis zum Ende des Jahres das Zeitalter der Präsenz des Menschen im Weltraum einzuläuten. Aus den 20 Kosmonauten-Anwärtern werden sechs in die engere Wahl gezogen, am ersten WOSTOK-Flug teilzunehmen, es sind:
  • Juri Alexejewitsch Gagarin, * 1934 in Klutschino bei Gschatsk, Oblast Smolensk, Russland
  • Anatoli Jakowlewitsch Kartaschow, * 1932 in Perwoi Sadowoje, Oblast Woronesch, Russland
  • Andrijan Grigorjewitsch Nikolajew, * 1929 in Schorschely, Tschuwaschien
  • Pawel Romanowitsch Popowitsch, * 1930 in Usyn, Ukraine
  • German Stepanowitsch Titow, * 1935 in Werchneje Schilino, Region Altai, Russland
  • Walentin Stepanowitsch Warlamow, * 1934 in Suchaja Terejoschka, Oblast Pensa, Russland

Die 14 restlichen Anwärter scheiden zwar damit nicht aus dem Trainingsprogramm aus, werden jedoch nicht speziell im WOSTOK-Simulator ausgebildet, der im Juli zur Verfügung stehen soll.

04.06.1960
In der Sowjetunion beschließen die zuständigen Regierungsbeauftragten, dass der Abschluss des Testprogramms für das aus drei separaten Modulen bestehende WOSTOK-Raumschiff, mit dem ein Mensch in den Weltraum befördert werden soll, für das Ende des laufenden Jahres vorgesehen ist.
18.06.1960
Die sechs Kosmonautenanwärter für den ersten bemannten sowjetischen Raumflug, Gagarin, Kartaschow, Nikolajew, Popowitsch, Titow und Warlamow, besuchen das Herstellerwerk der WOSTOK-Kapsel in Kuibyschew (heute Samara), wo sie zum ersten Mal ihr Raumschiff zu Gesicht bekommen und von Sergej Koroljow, dem Chefkonstrukteur, persönlich eingewiesen werden.
Sommer 1960
Nach dem Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU zur Gründung eines zentralen Kosmonauten-Ausbildungszentrum vom Januar wird die grundlegende Infrastruktur in Swjosdny Gorodok (Sternenstädtchen), 40 Kilometer nordöstlich von Moskau eingeweiht. Die Kosmonauten können hier weit besser vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen, ihr Training absolvieren. Das ZPK (Zentr Podgotowki Kosmonawtow, später Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum) ist von jetzt an das Zentrum der Bemühungen um einen bemannten Raumflug und die Trainingseinheiten werden intensiviert, um den Kreis der möglichen zukünftigen Kosmonauten weiter einzugrenzen. Der erste Chef des ZPK wird Oberst Jewgeni Karpow, die Kosmonautenausbildung leitet Nikolai Kamanin, aufgrund seiner Verdienste als Pilot bereits "Held der Sowjetunion".
04.07.1960

Ein Erlass des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) sieht den Abschluss des Testprogramms für das aus drei separaten Modulen bestehende WOSTOK-Raumschiff für Ende 1960 vor.

16.07.1960
Bei Kosmonautenanwärter und Mitglieder der Gruppe der "letzten Sechs" Anatoli Kartschatow wird nach einem Zentrifugentest ein Gefäßriss in der Wirbelsäule diagnostiziert. Er wird durch seinen Kollegen Grigori Neljubow ersetzt und vorerst zurückgestellt.
24.07.1960
Nur eine Woche nach dem tragischen Zentrifugenunfall des Kosmonautenanwärters Anatoli Kartschatow verletzt sich Walentin Warlamow, der wie Kartschatow zu den "letzten Sechs" der Auswahl für den ersten sowjetischen bemannten Weltraumflug gehört, bei einem Badeausflug infolge eines Kopfsprungs an der Halswirbelsäule und wird durch Waleri Bykowski ersetzt. Die Auswahl der Astronauten für den ersten Weltraumflug umfasst demzufolge nun folgende Anwärter:
  • Waleri Fjodorowitsch Bykowski, * 1934 in Pawlowski Possad bei Moskau, Russland
  • Juri Alexejewitsch Gagarin, * 1934 in Klutschino bei Gschatsk, Oblast Smolensk, Russland
  • Grigori Grigorjewitsch Neljubow, * 1934 in Porfirjewka, Krim, Ukraine
  • Andrijan Grigorjewitsch Nikolajew, * 1929 in Schorschely, Tschuwaschien
  • Pawel Romanowitsch Popowitsch, * 1930 in Usyn, Ukraine
  • German Stepanowitsch Titow, * 1935 in Werchneje Schilino, Region Altai, Russland

Walentin Warlamow scheidet infolge seines Badeunfalls aus dem Kosmonautenteam aus und ist als Ausbilder im Fach Astronavigation vorgesehen.

August 1960
Eine Sonderkommission ermittelt anhand der Ergebnisse der bisherigen Tests der sechs Kosmonautenanwärter für den ersten bemannten Raumflug der Sowjetunion die aussichtsreichsten drei: Juri Gagarin, German Titow und Grigori Neljubow. Gagarin gilt für alle als Favorit; so schreibt ein Ausschuss aus Luftwaffenärzten über Gagarins Charakter: "Bescheiden; (…) hoher Grad an intellektueller Entwicklung in Juri offenkundig; fantastisches Gedächtnis; (…) eine gut entwickelte Vorstellungskraft; schnelle Reaktionen; ausdauernd; bereitet sich akribisch auf seine Aktivitäten und Trainingsaufgaben vor; (…) wirkt, als ob er das Leben besser versteht als viele seiner Freunde."
20.08.1960
Als erste Lebewesen kehren im Rahmen der SPUTNIK-5-Mission, die tags zuvor in das Weltall geschossenen Hunde „Belka“ und „Strelka“ in ihrer Landekapsel wohlbehalten auf sowjetische Erde zurück. Es konnte die Reaktion der Hunde auf die Schwerelosigkeit untersucht werden. Die Mission wurde mit einem verbesserten Raumschiff durchgeführt.
September 1960
Einige der führenden sowjetischen Chefkonstrukteure auf dem Gebiet der Raumfahrt schlagen in einem geheimen Memorandum für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) vor, ein Raumfahrzeug für einen bemannten Start im Dezember 1960 vorzubereiten.
11.10.1960
Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) genehmigt den im September von führenden sowjetischen Chefkonstrukteuren eingereichten Vorschlag für einen bemannten Start eines Menschen in den Weltraum noch in diesem Jahr mit der Begründung, dass diese Mission eine "besondere Bedeutung" für die Sowjetunion habe.
24.10.1960
Mitrofan Nedelin, der Verantwortliche der größten Katastrophe der Raumfahrt
Bei einer verheerenden Explosion einer militärischen Interkontinentalrakete auf dem sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur sterben mindestens 126 Menschen. Verantwortlich für diese Katastrophe ist der Hauptmarschall der Artillerie und Chef der strategischen Raketentruppen, Mitrofan Nedelin, der selbst bei der Katastrophe ums Leben kommt. Die Startvorbereitungen wurden am Vortag wegen Problemen mit der Elektronik zunächst abgebrochen, mussten aber auf Befehl Nedelins wieder aufgenommen werden. Am 24. Oktober um 1930 Uhr soll der Start erfolgen. Vermutlich um die berechtigten Sicherheitsbedenken seiner Untergebenen wegen eines Treibstofflecks zu zerstreuen und Druck auf sie auszuüben, platziert sich Nedelin gegen 1840 Uhr demonstrativ acht Meter von der Rakete entfernt auf einem Stuhl. Andere Militärangehörige und Techniker sehen sich dadurch gezwungen, den sicheren Bunker zu verlassen und sich neben ihn zu stellen. Die autonome bordeigene Energieversorgung ist bereits aktiviert und ein Teil der Pyromembranen im Treibstoffsystem geöffnet, da sich der vorhergehende Abbruch innerhalb der Ein-Stunden-Bereitschaft ereignete. Zum Zünden der Rakete ist nur noch ein Drehschalter zu betätigen, der sich zu diesem Zeitpunkt wegen eines vorhergegangenen Tests in der Position "Nach-Start" befindet. Ein Mitarbeiter versucht, den Schalter auf die Position "Vor-Start" zu bringen, und passiert dabei die Schalterstellung "Manuelles Zünden" der zweiten Stufe. Während einer normalen Startvorbereitung würde die Stromversorgung der Rakete abgeschaltet und der Schaltvorgang ohne Wirkung sein. Verhängnisvollerweise führt dies aber nun zur unbeabsichtigten Aktivierung eines elektropneumatischen Ventils, das zur Regulierung des Drucks der Startbehälter dient. Jetzt zündet das Marschtriebwerk der zweiten Stufe. Es zerreißt die Tanks der darunterliegenden ersten Stufe. Der Treibstoff UDMH und die Salpetersäure vermischen sich und es kommt zu einer Explosion, in deren Folge innerhalb von 90 Sekunden 124 Tonnen Treibstoff verbrennen. Die Anzahl der Toten wird erst Anfang der 1990er Jahre bekannt gegeben werden, unter ihnen sind 57 hohe Militärs. Der Kommandant des Kosmodroms Baikonur, Generalleutnant Alexej Schumilin, nennt angeblich im Februar 1997 anlässlich der deutsch-russischen Weltraummission Mir 97 die Zahl 154. Es gibt aber noch andere Behauptungen, die zwischen 92 und 200 Todesopfern schwanken. Von Nedelin, der sich unmittelbar neben der Rakete befand, werden nur die Überreste seines Ordens Held der Sowjetunion und Uniformteile gefunden. Unter den Todesopfern sind, neben Nedelin, auch namhafte Wissenschaftler wie Jangels Stellvertreter Berlin und Konzewoj, sowie Firsow, der Chefkonstrukteur des OKB-692 Boris Konopljow, der stellvertretende Vorsitzende des Staatlichen Komitees der UdSSR für Verteidigungstechnik Lew Grischin und der stellvertretende Kommandant des Startplatzes, Nossow. Als Ursache des Unglücks werden unsachgemäße Handhabung der defekten und bereits betankten Rakete unter Zeitdruck und wesentlich beschleunigte Zeitpläne angenommen. Entgegen dem vorliegenden technischen Plan erfolgten die Reparaturarbeiten auf ausdrücklichen Befehl Nedelins hin bei aktiviertem Bordenergiesystem. Die Untersuchungskommission wird später auf eine offizielle persönliche Schuldzuweisung verzichten. Der Tod zahlreicher Spezialisten und der Verlust des Startplatzes verzögern den geplanten Fortgang des sowjetischen Raketenprogramms, insbesondere des ersten bemannten Raumfluges. Der Konstrukteur der Rakete, Michail Jangel, überlebt das Unglück unverletzt. Zum Zeitpunkt der Explosion hielt er sich gemeinsam mit Kollegen außerhalb des Gefahrenbereichs in einer Raucherzone auf. Eine der wenigen noch beachteten Sicherheitsmaßnahmen, das Rauchverbot in der Nähe der Rakete, rettet ihm das Leben. Als Jangel kurz nach dem Unfall Chruschtschow in einem Telefongespräch über den Tod Nedelins und der anderen zahlreichen Opfer berichtet, fragt ihn dieser: „Wie kommt es, dass Sie überlebt haben?“
November 1960
Aus mehreren Gründen, zum Beispiel aufgrund des Verlustes eines Teils des Startkomplexes bei der Katastrophe im Vormonat, zum Teil aber auch wegen des vorgesehenen Starts der ersten sowjetischen Venus-Sonde VENERA 1, der deswegen Priorität besitzt, weil es Monate dauern würde, bis wieder ein günstiges Startfenster geöffnet würde, wird beschlossen, den Start des ersten Menschen in den Weltraum auf frühestens März 1961 zu verschieben.
02.12.1960
Pscholka und Muschka werden Opfer des Weltraumprogramms
Der erfolgreiche Flug von SPUTNIK 5 wird mit KORABL-SPUTNIK 3 wiederholt. Wieder sind zwei Hunde an Bord des Raumschiffes, das den Flug eines Menschen simulieren soll. KORABL-SPUTNIK 3 verlässt beim Wiedereintritt die korrekte Umlaufbahn. Da die Hunde Pscholka und Muschka sowie das Raumfahrzeug verloren sind, wird der Selbstzerstörungsmechanismus ausgelöst.
22.12.1960
Kometa und Schutka werden Gagarins Wegbereiter in den Kosmos
Wegen einer Störung in der Oberstufe der Trägerrakete endet eine weitere Raumfahrtmission mit einer zweiköpfigen Hundebesatzung mit einer Notlandung in der Nähe von Yakut in der Region Tura in Sibirien. Die Hunde an Bord, Kometa und Schutka, können zwei Tage nach der Notlandung gerettet werden; sie überlebten einen 20-g-Wiedereintritt und eine harte Landung der Kapsel.
17.01.1961
Die Prüfungskommission für die Auswahl des ersten sowjetischen Raumfahrers besteht aus Mitgliedern der Luftwaffe, der Akademie der Wissenschaften, der Industrie und des Kosmonauten-Ausbildungszentrums. Die Sessions werden gefilmt. Jeder Kosmonaut sitzt in einem Vostok-Mock-up für 40 bis 50 Minuten und beschreibt die Ausrüstung und die Operationen, die in jeder Phase des Fluges durchgeführt werden. Besonderes Augenmerk wird in den Fragestellungen der Prüfer auf die Orientierung der Raumsonde für das manuelle Retrofeuern und den Ausstieg an Land oder Wasser gelegt. Für diese Phase werden Gagarin, Titow, Nikolajew und Popowitsch als "hervorragend" und Nelyubow und Bykowski "gut" bewertet. Die sechs Kosmonautenanwärter erhalten den Titel "Flieger-Kosmonaut", dürfen sich jedoch öffentlich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so nennen, da man auch die Mitglieder der Kosmonautengruppe zur Verschwiegenheit nach außen verpflichtete. Immer noch wird aus den Sechs der Kandidat gesucht, der einerseits die besten Testresultate aufweisen kann, andererseits aber auch mit Charme und Charakter für die Propagandamaschinerie verwertbar erscheint.
18.01.1961
Die Prüfungskommission für die Auswahl des ersten sowjetischen Raumfahrers setzt eine schriftliche Prüfung der Kandidaten an. Sie haben innerhalb von 20 Minuten einen Aufsatz bestehend aus drei Fragen zu schreiben. Nach der Übergabe des Aufsatzes erhält jeder Kosmonaut drei bis fünf Multiple-Choice-Fragen. Alle sechs bestehen den Test und werden für geeignet gehalten, die Mission zu führen. Aber welcher von den sechs ist am besten geeignet? Gagarin, Titow und Neljubow sind derzeit ganz vorn im Ranking; Nikolajew ist der Ruhigste der sechs. Bykowsky gibt weniger als die Anderen von sich preis, vor allem in internen Treffen. Bei Popowitsch wird ein geheimes Familienproblem vermutet, da die Psychologen ihn nicht klar einschätzen können.
12.02.1961
General Nikolai Kamanin berichtet von der Begeistung seines Teams über den neuen Siebenjahresplan, der am 23. Januar im Dekret 711-296 genehmigt wurde und der die Designarbeiten für den N1-Superbooster gestattet. In unmittelbarer Zukunft sind alle 8 bis 10 Tage Starts von WOSTOK-Raketen geplant, bis der erste bemannte Flug durchgeführt werden kann. Diese Flüge sollen als "Besatzung" über Kosmonautendummies verfügen, um bei der Landung den Schleudersitz zu prüfen. Ein bemannter Flug soll erst dann durchgeführt werden, wenn zwei Flüge mit Kosmonautenattrappen nacheinander erfolgreich gewesen sind. Im Westen wird der gescheiterte Start der Venussonde VENERA 4 als ein fehlgeschlagener bemannter Raumflug analysiert. Einige Italiener behaupten, Stimmen aufgefangen zu haben. Kamanin beschreibt dies als eine unbegründete Spekulation. Die Sowjetunion werde das Leben eines Mannes nicht riskieren, solange zwei erfolgreiche Flüge mit Attrappen an Bord eine sichere Rückkehr aufgezeigt haben.
22.02.1961
Der sowjetische Raketen-Chefkonstrukteur Sergej Koroljow gibt dem sowjetischen Befehlshaber der Luftwaffe, Konstantin Werschinin und anderen militärischen Führern Einblick in seinen Plan, in den nächsten zwei bis drei Jahren zehn bis 15 Raumfahrzeuge des Typs "Wostok" für eine anhaltende bemannte Flugserie zu bauen. Der nächste, noch unbemannte, Wostok-Flug soll nun am 27. oder 28. Februar stattfinden.
27.02.1961
Der Konstrukteuer des Weltraumprogramms der Sowjetunion, Semjon Alexejew, gibt bekannt, dass die Prüfungen des Raumanzuges sowie des Schleudersitzes bis zum 20. März abgeschlossen sein werden. Es sollen bis zum 10. März zusätzlich zu den Tests in den Raketen-Probeflügen auch Kosmonautenattrappen aus Iljuschin-28-Bombern durch Ausstöße in den Windstrom des Flugzeuges stattfinden. Außerdem wird vom 2. bis 12. März ein Dauertest des Umwelt-Kontrollsystems der Wostok-Kapsel durchgeführt werden.
02.03.1961
Konstantin Feoktistow, ein Gruppenleiter im Entwicklungsinstitut OKB-1, stellt zusammen mit seinem Assistenten Oleg Makarow eine Reihe von Anweisungen für den noch nicht benannten Kosmonauten zusammen, die sowohl die geplanten Missionsphasen als auch verschiedene Notsituationen abdecken. Aus ihren Erkenntnissen sowie denen der Kontrukteure Semjon Alexejew, Sergej Koroljow, Mark Gallay, Mstislaw Keldysch, Leonid Woskresenski, Wladimir Jasdowski und Konstantin Buschujew stellt er innerhalb von drei Stunden das erste "Flug-Handbuch der Welt" für ein bemanntes Raumfahrzeug vor, das alle Anweisungen für alle möglichen Phasen der Flug- und Notsituation enthält. Koroljow besteht darauf, dass auf der geplanten Flugbahn von WOSTOK 1 fast alles automatisch ablaufen soll. Kamanin, Jasdowski, Gallay und Smirnow sind dagegen gegen eine solche passive Rolle des Kosmonauten. Sie argumentieren, dass der Kosmonaut seine Ausrüstung kennen und in der Lage sein müsse, das Raumfahrzeug nach der Freigabe der elektronischen Logiksperre manuell zu fliegen. Sie müssen die Instrumente beobachten und ihren Status per Funk berichten und Journaleinträge machen. Nach langer Debatte geben Koroljow und Keldysch nach. Die vereinbarte erste Ausgabe des Flughandbuchs wird von Koroljow und Kamanin unterzeichnet. Dennoch sollen die Möglichkeiten für den Kosmonauten des allerersten Raumfluges, die wichtigsten Systeme selber zu kontrollieren, begrenzt werden; wichtige Abschnitte wie die Bremszündung gegen Ende des Fluges sollen vollständig automatisiert durchgeführt werden.
04.03.1961
Die Konstrukteure des Weltraumprogramms der Sowjetunion, Sergej Koroljow, Semjon Alexejew und Wladimir Jasdowski legen den Plan für die Vorbereitung des Kosmonauten am Starttag fest. Der Kosmonaut soll in Nedelins Hütte in Baikonur Area 2 die Nacht vor dem Start verbringen und fünf Stunden vor dem Start geweckt werden. Unverzüglich danach sollen Mediziner den Kosmonauten untersuchen. Kamanin und Koroljow werden im Bunker an der Startrampe übernachten. Nach dem Start soll Kamanin in die Erholungszone fliegen, um an der Landung des Raumfahrzeuges teilzunehmen.
07.03.1961
Der sowjetische Kosmonautenanwärter Juri Gagarin wird zum zweiten Mal Vater einer Tochter. Er verbringt diese Tage bei seiner Familie.
09.03.1961
Erstmals wird die bemannte Version des WOSTOK-Raumschiffes erfolgreich eingesetzt. Im Raumfahrzeug KORABL-SPUTNIK 4 befindet sich neben dem Hund Tschernuschka eine Testpuppe mit einem Druckanzug, der beim Personal den Spitznamen "Iwan Iwanowitsch" erhält. An Bord befindet sich außerdem eine Maus und ein Meerschweinchen. Der Erfolg des Fluges bedeutet, dass die Sowjetunion bereit ist für den ersten bemannten Weltraumflug.
13.03.1961
Der sowjetische Konstrukteur Konstantin Werschinin formuliert zwei Dekrete: Eines für die Lieferung einer Tupolew Tu-104 für das Null-G-Training der Kosmonauten, und einer anderen Tu-104 mit HF-Transpondern für weitreichende Kommunikation. Zwei weitere Fragen werden diskutiert: Sollen die Kosmonauten den Code für die Entriegelung des manuellen Orientierungssystems der Raumfahrzeuge erhalten? Es wird beschlossen, dass dies so geschehen soll. Und wann soll der Flug bekannt gegeben werden? Kamanins Position ist, dass es passieren sollte, sobald das Raumfahrzeug die Erdumlaufbahn erreicht habe, die anderen meinen, dass dies erst geschehen solle, wenn der Flug abgeschlossen sei. Es wird beschlossen, diese Angelegenheit auf der Ebene des Generalstabes entscheiden zu lassen.
15.03.1961
Der Stellvertretende Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Fillip Agaltzow, besucht das Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, um die sechs Kosmonauten kennenzulernen, von denen einer der erste Mensch im Weltraum werden soll. Agaltzow sieht hier auch Bjelka und Strjelka sowie Tschernuschka, die drei Hunde, die bereits im Weltraum gewesen sind. Strjelka hat sechs drei Monate alte Welpen. Nachdem Agaltzow die Kosmonauten beschworen hat, für die Weltraumfahrt moralisch gerüstet zu sein, beschweren diese sich bei ihm über das Designbüro Semjon Alexejews, da von den sechs bestellten Sitzen nur drei ausgeliefert wurden - für Gagarin, Titow und Neljubow. Außerdem hätten sie bislang noch kein Fallschirmspringen in Raumanzügen trainieren können.
16.03.1961
Das sowjetische Kontingent des Kosmonautenteams fliegt in drei Iljuschin-14 von Moskau nach Tjuratam ab. An Bord des ersten Flugzeuges befindet sich General Nikolai Kamanin sowie die Kosmonauten Juri Gagarin, Grigori Neljubow und Pawel Popowitsch. An Bord des Anderen sind German Titow, Waleri Bykowski und Andrijan Nikolajew. Im Sanatorium der Kosmonauten in Priwolschiski an der Wolga entspannen sich die Kosmonauten und spielen Tischtennis, Schach und Billard. Die Kosmonauten sowie Kamanin, Jasdowski und Karpow schlafen zusammen in einem einzigen großen Raum. Kamanin findet sie lebendig, bis auf Gagarin, dessen Frau am 7. März die zweite Tochter zur Welt brachte und der mit seinen Gedanken offenbar bei seiner Familie ist.
17.03.1961
Das sowjetische Kosmonautenteam, das am Vortag in Tjuratam (Baikonur) eingetroffen ist, beginnt damit, parallel mit den Vorbereitungen für die letzte unbemannte Korabl-Sputnik-Mission bei einer gemeinsamen Trainingseinheit in der Montagehalle unter anderem das Anlegen der SK-1-Raumanzüge und den Einstieg in die WOSTOK-Kapsel zu proben. Auch Chefkonstrukteur Sergej Koroljow gesellt sich zu der Gruppe und stellt jedem Kosmonauten zwei technische Fragen, die alle richtig beantwortet werden. Er sagt, dass er sicher stellen wolle, dass jeder von ihnen bereit sei, "noch heute zu fliegen".
20.03.1961
Die Kosmonauten üben das Anziehen der Raumanzüge und das Einstellen der Regler. Nach dem Üben mit den Anzügen spielen die Kosmonauten Schach und Karten, aber wieder nimmt Gagarin nicht teil und sondert sich von der Gruppe ab.
21.03.1961
Die Kosmonauten diskutieren über ihre Überlebenschancen bei einer Wasserlandung. Es gibt lediglich zwei sowjetische Schiffe, die über HF- und UHF-Richtungsausrüstung verfügen, ohne die die Kapsel nicht zu lokalisieren sei. Der Auswurfsitz sei nicht schwimmfähig und die Wiedereintrittskapsel eigne sich ebenfalls nicht zum Schwimmen. Daher sei die einzige Option eine Landung auf dem Territorium der Sowjetunion. Am Abend trainieren Juri Gagarin, German Titow und Grigori Neljubow noch einmal das Anziegen der Raumanzüge. Sie haben eine Vorgabe von 20 Minuten, schaffen es aber in 15 Minuten. Viele Mitarbeiter des Raumfahrtzentrums kommen, um die Kosmonauten bei ihrer Übung zu beobachten.
22.03.1961
Um 1200 Uhr treffen sich die Konstrukteure Sergej Koroljow und Mstislav Keldysch mit General Nikolai Kamanin. Sie stimmen darin überein, dass der Flug von WOSTOK 1 angekündigt wird, sobald der Kosmonaut sicher in der Umlaufbahn der Erde angekommen ist.
23.03.1961
Walentin Bondarenko, * 1937 in Charkow, Ukraine, wird der erste Raumfahrer, der seinen Beruf mit dem Leben bezahlt
Das aus 20 Piloten bestehende sowjetische Kosmonautenkollektiv hat noch vor dem Start eines ersten Kosmonauten in den Weltraum mit Walentin Bondarenko das erste Todesopfer zu beklagen. Er wurde 1960 für den Einsatz bei einem Weltraumflug mit dem Wostok-Raumschiff ausgewählt und gehörte der sogenannten „Kosmonautengruppe Nr. 1“ an. Bei seiner Ankunft im Sternenstädtchen, dem Ausbildungszentrum der sowjetischen Kosmonauten, war er mit einem Alter von 23 Jahren der jüngste Mann, der jemals zum Training für einen Raumflug ausgewählt wurde. Heute wird Bondarenko im Zuge der Vorbereitungen Opfer eines tödlichen Unfalls. Am Ende eines planmäßigen zehntägigen Trainingsaufenthaltes in einer Druckkabine im Moskauer Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin legt er die an seinem Körper befestigten medizinischen Sensoren ab und wischt die Stellen, an denen sie befestigt waren, mit in Alkohol getränkten Wattebäuschen ab. Fahrlässigerweise wirft er anschließend einen benutzten Wattebausch einfach zur Seite. Dieser fällt dabei auf eine offene, heiße Heizspirale – eine gravierende Sicherheitslücke, die erst durch diesen Vorfall aufgedeckt werden wird – und entzündet sich. Wegen der reinen Sauerstoffatmosphäre in der hermetisch verschlossenen Kabine greift das Feuer in Sekundenschnelle auf Bondarenkos wollenen Trainingsanzug über. Aufgrund des hohen Druckunterschiedes kann die Kabine nicht sofort geöffnet werden. Als dies schließlich gelingt, hat Bondarenko bereits 90-prozentige Verbrennungen erlitten. Er wird – begleitet von Juri Gagarin – in ein Krankenhaus gebracht, wo er acht Stunden später stirbt. Er hinterlässt eine Frau und einen Sohn. Beigesetzt wird er in seiner Heimatstadt Charkiw. In der Sowjetunion blieb auch dieser Unfall – und damit auch Bondarenko selbst – von den sowjetischen Medien unerwähnt. Der Vorfall wird streng geheim gehalten, um das Image der sowjetischen Raumfahrt nicht aufs Spiel zu setzen.
24.03.1961
Eine Kommission unter der Leitung von Mstislav Keldysch trifft sich um 11 Uhr. Semjon Alexejew gibt die erste Präsentation. Die erforderlichen vier Ausstoßversuche des Schleudersitzes von einem Iljuschin-28-Testflugzeug haben noch nicht begonnen, sind aber für die nächsten sieben bis zehn Tage geplant. Nikolajew von OKB-124 berichtet über das Umwelt-Kontrollsystem. Es gibt noch Probleme mit dem Sauerstoff-Regenerator. Die bisherigen Korrekturen führten in der letzten zehntägigen Testphase zu einer leichten Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Systems. Die einzige Lösung scheint zu sein, das System völlig aufzugeben und durch eine andere mit einer aktiven chemischen Regeneration zu ersetzen, aber das dauert 14 bis 15 Tage. Der Gasanalysator arbeitet immer noch schlecht. Trotz aller Probleme, die nicht nach Bedarf gelöst wurden, wird die Entscheidung getroffen, die Vorbereitungen für den nächsten unbemannten Start fortzuführen.
25.03.1961
Mit der Mission KORABL-SPUTNIK 5 wird der geplante erste von Menschen bemannte Raumflug der Menschheit zum letzten Mal geprobt. Wie geplant absolviert das Raumschiff eine Erdumkreisung und tritt über der Sowjetunion in die dichteren Schichten der Atmosphäre wieder ein. Der Kosmonautendummy "Iwan Iwanowitsch", eine Puppe, wird kurz vor der Landung mit einem Schleudersitz aus der Kapsel gesprengt und landet mit seinem eigenen automatischen Fallschirm. Aufgrund miserabler Wetterbedingungen kann die Kapsel erst 24 Stunden nach der Landung unter einer 1,50 Meter hohen Schneedecke nordöstlich von Ischewsk in Udmurtien gefunden werden. Einige Dorfbewohner, die beobachten, wie die täuschend echt aussehende Kosmonautenpuppe abtransportiert wird, nehmen an, dass es sich hier um einen echten Menschen mit offenbar schweren Verletzungen handelt. Der Flug von KORABL-SPUTNIK 5 stößt die Tür in den Weltraum weit auf.

Seit 13 Uhr wird der Booster der WOSTOK 1 zum Startplatz gezogen. Um 18 Uhr beginnen Juri Gagarin und German Titow damit, in ihren Raumanzügen mit dem Fahrstuhl zur Einstiegsluke zu fahren. Dies geschieht, um ihnen ein realistisches Gefühl für die Zeit zu geben, die sie brauchen, um ihre Vorbereitungen für den Start zu absolvieren.

28.03.1961
Wieder trifft sich die OKB-124-Kommission im Werk "Daks", um über alle vorliegenden Probleme des WOSTOK-Programms zu beraten. Das große Problem mit dem Sauerstoff-Regenerator ist noch nicht gelöst. Bei dem Zehn-Tage-Versuch wurden vier Liter Lithiumchlorid verbraucht, aber der Test war nicht erfolgreich. Eine neue Lösung von Chlor-Lithium wird vorgeschlagen. Aber das ist gefährlich - die Ärzte sind besorgt, dass, wenn es in den Körper der Kosmonauten gelangt, sie vergiften könnten. Eine harte Diskussion folgt, aber die endgültige Entscheidung ist es, eine Fünf-Tages-Studie mit Lithiumchlorid zu versuchen. Die Tests des Wostok-Rückgewinnungssystems werden am Mittag überprüft.Es wurden schon zwei von vier Schleudersitztests von Iljuschin-28-Bombern durchgeführt, wo auch das Verhalten des Schleudersitzes und des Fallschirms unter Wasser getestet wurden. Es wird entschieden, die fehlerhafte Gasanalysator zu behalten, sie aber vorerst nicht an die Telemetrie zu verbinden - die Messwerte werden statt dessen mit einer Fernsehkamera gelesen werden.
29.03.1961
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Testflugs KORABL-SPUTNIK 5 sendet die staatliche Kommission, der die Beaufsichtigung des Wostok-Programms obliegt, ein formales Dokument an die Kommunistische Partei der Sowjetunion, in welchem sie die Genehmigung für einen bemannten Start beantragt. Das streng geheime Memorandum, das unter der Leitung von Konstantin Rudnew bei einer Sitzung in Moskau ausgearbeitet hat, spricht von einer Erdumkreisung und einer anschließenden Landung in einem Korridor zwischen den Städten Rostow, Kuibyschew und Perm. Weiterhin wird festgelegt, entgegen der sonst üblichen Geheimhaltung der sowjetischen Raumfahrtaktivitäten, die erste TASS-Meldung über den Start direkt nach dem Eintreten in die Erdumlaufbahn zu veröffentlichen. Sollte das Raumschiff wegen einer zu geringen Geschwindigkeit der Trägerrakete im Pazifik notlanden, würde dies ebenfalls durch die TASS bekanntgegeben, um die Bergung des Kosmonauten zu „erleichtern“. Das Raumfahrzeug soll in der öffentlichen Presse die vorher geheime Bezeichnung "WOSTOK" bekommen.
30.03.1961
Dem zu erwartenden ersten bemannten Raumflug wird eine Luftflotte zugeordnet, die mit UHF-Peilern ausgestattet wird. Zu dieser Flotte gehören 20 Iljuschin-14, 3 Antonow-12, 2 Tupolew-95 sowie 10 Transporthubschrauber des Typs Mil Mi-4 und drei Mil Mi-6. Zwei Iljuschin-14 mit HF-Peilern werden nach Kuibyschew und nach Swerdlowsk in Marsch gesetzt.
Ende März 1961
Der Chef der Kosmonautenausbildung, General Nikolai Kamanin, gibt in einem Vier-Augen-Gespräch mit Juri Gagarin diesem zu verstehen, dass er sich Hoffnung machen darf, als erster Mensch ins Weltall zu fliegen. Gagarin zeichnet sich in allen Disziplinen dadurch aus, immer zur Leistungsspitze zu gehören und keine Gebiete zu haben, auf denen er schwächelt. Gleichzeitig besitzt er zwar einen starken, aber keinesfalls einen arroganten Charakter, wie es beispielsweise bei Grigori Neljubow, dem zweiten Ersatzmann von Wostok 1, der Fall ist. Da die Psychologen annehmen, dass Neljubow es mental kaum verkraften könne, nicht der Erste zu sein, bekommt dieser auf Anordnung Kamanins keine weitere Flugnominierung.
31.03.1961
General Nikolai Kamanin meldet um 09 Uhr an das Verteidigungsministerium, dass die Bereitschaft zum Start von WOSTOK 1 zwischen dem 10. und dem 20. April bestehe. Anschließend informiert er persönlich den Chefkonstrukteur Sergej Koroljow über den Zeitplan. Koroljow erklärt bei diesem Gespräch, dass er bereit sei, Holzwolle in der WOSTOK-Kabine zu installieren, die das überschüssige Lithiumchlorid absorbieren soll.
01.04.1961
Die Versuche, den Schleudersitz und die Fallschirme seetauglich zu machen, sind bislang gescheitert. Auch die am Sitz installierte Antenne blieb bei allen Tests unter der Wasseroberfläche, was die Kommunikation unmöglich machte. Der Fünf-Tage-Test der Luftaufbereitungsanlage war ebenfalls erfolglos, da nach vier Tagen das Lithiumchlorid verbraucht war. General Nikolai Kamanin glaubt, dass der Konstrukteur Woronin ein schlechter Manager sei und dass nach dem ersten WOSTOK-Flug eine vollkommen neue Lösung gebraucht würde.
03.04.1961
Der größte Teil der Startmannschaft trifft im sowjetischen Kosmodrom Tjuratam-Baikonur ein. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion erteilt die Genehmigung für den Start von WOSTOK 1 zwischen dem 10. und dem 20. April 1961. Die elf Kosmonauten, die nicht in die engere Wahl für den ersten Einsatz kamen, werden einer neuen medizinischen und psychologischen Untersuchung unterzogen. Jewgeni Chrunow und Wladimir Komarow können jedoch nur befragt werden, bevor ein dringender Anruf aus dem Generalstab empfangen wird: Bericht um 13:00 Uhr mit Gagarin, Titow, und Neljubow, gehen Sie zu einem Treffen der Kommunistischen Partei um 15:00 Uhr für die Entscheidung der Besatzung des ersten Fluges. Alle Beteiligten bestätigen erneut die Bereitschaft für den Flug. General Kamanin klärt die Kosmonauten danach über die Ergebnisse der Schleudersitztests auf. Es wurden drei erfolgreiche Auswürfe von der Iljuschin-28 sowie Ausstöße aus der Wiedereintrittskapsel auf dem Boden und aus einer Höhe von 5 Kilometern gemeldet. Alle Tests waren erfolgreich. Die Kosmonauten sind sich der verbleibenden Probleme mit der Kapsel bewusst, sind aber zuversichtlich, dass es für eine einzige Erdumkreisung sicher ist. Gagarin sagt, dass Fallschirmspringer Oberst Nikolai Konstantinowitsch Nikitin, ihr Lehrer, den Kosmonauten-Fallschirm auf dem Pad inspizieren soll. Die Kosmonauten haben Vertrauen in ihn, aber die Führung will ihn nicht einladen, da er ein Querdenker ist, der oft Probleme verursacht. Um 16:00 Uhr gibt Koroljow bekannt, dass das Zentralkomitee den Flug genehmigt hat. Er macht sich unverzüglich auf nach Tjuratam, um den Start endgültig vorzubereiten. Die Kosmonauten geben in eine Kamera ihre "Bestätigung der Bereitschaft für den Flug", deren Film an den Ausschuss gesandt werden soll.
06.04.1961
In Tjuratam findet die erste Sitzung der vollen staatlichen Kommission statt, bei der unter anderem Bedenken über die Einsatzfähigkeit der Lufttrockner an Bord der Wostok-Kapsel besprochen werden. Langzeittests haben ergeben, dass aus den fraglichen Einheiten bei einem längeren Flug eine Salzlösung austreten könnte. Aufgrund der vorgesehenen Flugdauer von nur eineinhalb Stunden entschließt sich das Komitee, das System im jetzigen Zustand zu belassen.
07.04.1961
Der Kosmonautenanwärter Anatoli Kartaschow, der zu der sechsköpfigen Auswahl gehörte, aus denen der erste Kosmonaut der Sowjetunion ausgewählt werden sollte, jedoch am 16.07.1960 bei einem Zentrifugentest einen Gefäßriss der Wirbelsäule erlitt, scheidet aus dem aktiven Kosmonautendienst aus, nachdem er als dienstuntauglich eingestuft wurde. Kartaschow plant seine Rückkehr in die sowjetischen Luftstreitkräfte.
08.04.1961
Ein staatliches Komitee unter dem Vorsitz von Konstantin Rudnew trifft bei einem Treffen in Tjuratam die endgültige Entscheidung für den Einsatz Juri Gagarins als Pilot des WOSTOK-1-Fluges. Die Kommission billigt damit den Vorschlag Nikolai Kamanins, Gagarin auszuwählen, einstimmig. Im Fall von gesundheitlichen Problemen vor dem Start würde Gagarin von German Titow ersetzt worden, dessen Ersatzmann wiederum Grigori Neljubow ist. Die restlichen Mitglieder der Kosmonautengruppe werden unterstützende Aufgaben, wie die Tätigkeit als Verbindungssprecher zwischen den Bodenstationen und Gagarin an Bord von WOSTOK 1, übernehmen. Außerdem werden die Missionsdauer von einer Erdumkreisung sowie die Bahnhöhe von 180 bis 230 Kilometern bestätigt. Die Festlegung des ersten bemannten Raumfluges auf nur eine Erdumkreisung erfolgt deswegen, weil ein Tier während des Testprogramms Symptome der Raumkrankheit gezeigt hatte. Des Weiteren wurden mehrere Notfallprozeduren entwickelt, die die Sicherheit des Kosmonauten gewährleisten sollten. So wählte man für das Raumschiff beispielsweise eine Umlaufbahn, die im Falle einer Fehlfunktion der Bremstriebwerke einen natürlichen Wiedereintritt nach zwei bis sieben Tagen gewährleistet. In der Kapsel befinden sich außerdem ein Vorrat an Wasser und Nahrung für zehn Tage sowie ein Sender, mit dem die Landestelle des Raumfahrers bestimmt werden kann. Falls die Landung auf nichtsowjetischem Boden erfolgen würde, wird der Kosmonaut laut einer Mitteilung an das Zentralkomitee der UdSSR mit „angemessenen Instruktionen“ ausgestattet. Die bemannte Variante des Wostok-Raumschiffs besitzt keinen Selbstzerstörungsmechanismus. Wegen der höheren Anforderungen eines bemannten Flugs wurde das Netzwerk aus Bahnverfolgungspunkten, das sich über die gesamte sowjetische Landmasse erstreckte, auf 13 Stationen erweitert. Daneben betreibt das sowjetische Raumfahrtprogramm eine Flotte von Marineschiffen, da man sich sträubte, wie die USA Bodenstationen im Ausland zu errichten. Jeder der Bahnverfolgungspunkte kann die Kommunikation mit dem Raumschiff im Orbit für etwa fünf bis zehn Minuten aufrechterhalten, wenn sich die Kapsel in einer Entfernung von weniger als 2000 Kilometern befindet. Das Nervenzentrum für WOSTOK 1 liegt in einem Vorort von Moskau, wo sich das Kontrollzentrum auf dem Gelände des militärischen Forschungsinstitut NII-4 befand. Für die Zusammenstellung der Bergungstruppen für den gelandeten Kosmonauten ist eine Einheit der Luftwaffe verantwortlich, der eine Flotte aus 25 Flugzeugen und 10 Helikoptern untersteht.
10.04.1961
Der letzte Zusammentritt der Kommission vor dem Start erfolgt am Morgen und ist in erster Linie eine Formsache für die sowjetische Presse. Am selben Tag wird die Wostok-Trägerrakete zur Startrampe 1 gebracht, von welcher bereits SPUTNIK 1 gestartet wurde. Darüber hinaus berechnen Ingenieure die exakte Startzeit (09:07 Uhr Moskauer Zeit am 12. April 1961).
11.04.1961
Am Tag vor dem Start erhielt der zukünftige Flieger-Kosmonaut Juri Gagarin von den Raumfahrtingenieuren Konstantin Feoktistow und Boris Rauschenbach eine weitere Unterweisung über den vorgesehenen Flugverlauf. Außerdem besucht er zusammen mit anderen Kosmonauten die Arbeiter an der Startrampe, die die Trägerrakete in den vorhergegangenen Tagen vorbereitet hatten. Die Nacht verbringt Gagarin zusammen mit seinem Ersatzmann German Titow in einer Holzhütte in der Nähe des Startgeländes. Beide Männer tragen Sensoren an ihrem Körper, die die wichtigsten Vitalfunktionen für die Flugärzte überwachen.
12.04.1961
Gegen 3:00 Uhr Moskauer Zeit werden die verschiedenen Stationen im Kontrollbunker und den Bodenstationen in der Sowjetunion besetzt, womit die Startoperation offiziell beginnt. Um 5:30 Uhr werden Gagarin und Titow durch den Luftwaffenarzt Jewgeni Karpow geweckt, worauf ein kurzes Frühstück und eine letzte medizinische Untersuchung folgen. Anschließend legen sich beide mit der Hilfe zweier Assistenten ihre SK-1-Raumanzüge an. Die mehrlagigen, orange-farbenen Garnituren wiegen rund zehn Kilogramm und sollen den Raumfahrer vor einem möglichen Druckverlust schützen. Gegen 6:30 Uhr besteigen Gagarin und Titow zusammen mit den Kosmonautenanwärtern Grigori Neljubow und Andrijan Nikolajew den Bus, der sie die kurze Strecke zur Startrampe bringt. Bei seiner Ankunft berichtet Gagarin gegenüber dem Vorsitzenden der staatlichen Kommission, Konstantin Rudnew, in Kürze, dass er für die ihm zugewiesene Mission bereit sei. Danach bringt ihn ein Aufzug an die Spitze der Wostok-Rakete, wo er durch eine Luke das Raumschiff besteigt.

Um 7:10 Uhr aktiviert Gagarin das Funkgerät, das ihn mit dem Konstrukteur Sergei Koroljow im Startkontrollzentrum verbindet. Gagarin benutzt das Rufzeichen Kedr („Zeder“), während die Bodenstationen Sarja-1 („Morgenröte-1“) verwendet. Um 7:50 Uhr, eine Stunde nach dem Einstieg Gagarins in die Kapsel, wird die Luke des Wostok-Raumschiffes geschlossen. Nachdem eine Anzeige jedoch darauf hinweist, dass die Luke nicht korrekt verriegelt sei, müssen drei Techniker alle 30 Sicherungsschrauben wieder entfernen und die Luke ein zweites Mal schließen. Die Panne führt zu leichten Verzögerungen, so dass die Umgebung der Startrampe erst 30 Minuten vor dem Abheben geräumt werden kann. Eine Viertelstunde später werden die Wartungsplattformen, die die Trägerrakete umgeben, zurückgefahren. Der Countdown wird eine Minute vor dem Start planmäßig für fünf Minuten angehalten. Gagarin berichtet, dass er bereit für den Start sei und das Arbeiten der Ventile spüren könne.
Wenige Sekunden vor dem Start beginnt die Zündungssequenz der fünf Triebwerke der ersten und zweiten Raketenstufe. Nachdem die Rakete die volle Schubkraft von knapp 400 Tonnen erreicht hatte, lösen sich die vier Haltearme. Um 9:06:59,7 Uhr MSK startet WOSTOK 1 mit Juri Alexejewitsch Gagarin an Bord.
„Start! Wir wünschen dir einen guten Flug. Alles ist in Ordnung," sagt Sergei Koroljow über Funk.
„Pojechali! [Auf geht’s!] Auf Wiedersehen, bis bald, liebe Freunde", gibt Juri Gagarin zurück.
Während des Aufstiegs der Wostok-Trägerrakete erhöht sich wegen der zunehmenden Beschleunigung die g-Kraft, wodurch Gagarin in seine Liege gedrückt wurde. 119 Sekunden nach Flugbeginn wird die aus vier Boostern bestehende erste Stufe abgetrennt. Eine knappe Minute später folgt die Absprengung der Nutzlastverkleidung, die das Raumschiff beim Start umgeben hat. Bei einer Belastung von 5 g bemerkte Gagarin leichte Schwierigkeiten beim Sprechen. Nach fünf Minuten Flugzeit schalten die Triebwerke der zweiten Stufe ab, wodurch die g-Kraft rapide abnimmt und Gagarin in den Gurt seines Sitzes gedrückt wird. Nach dem Ablösen der zweiten Stufe beschleunigt das Triebwerk der dritten Stufe die Wostok auf Orbitalgeschwindigkeit. Gagarins Puls erreicht während der Startphase einen Höchststand von 150 Schlägen pro Minute. Um 9:21 MSK – 676 Sekunden nach dem Abheben – erreicht das Raumschiff die Erdumlaufbahn, nachdem kurz zuvor die dritte Raketenstufe abgetrennt wurde. Wegen einer mangelhaften Leistung der Trägerrakete erreicht das Wostok-Raumschiff einen höher als vorgesehenen Orbit, dessen Apogäum (größter Erdabstand) 70 Kilometer über dem geplanten Wert liegt.
Sofort nach dem Eintreten in die Erdumlaufbahn stellt Gagarin eine Funkverbindung mit dem Kontrollzentrum her und bestätigt, dass er sich sehr gut fühle. Er schildert außerdem die Eindrücke, die er beim Blick aus einem der Bullaugen erhielt: „Ich sehe die Erde! Ich sehe die Wolken, es ist bewundernswert, was für eine Schönheit!“
Nach Ende des Flugs wird Gagarin schreiben, dass er deutlich Gebirgszüge, ausgedehnte Wälder, Inseln und Küstenstriche habe erkennen können. Darüber hinaus wird er kommentieren, dass seine Gewöhnung an den Zustand der Schwerelosigkeit reibungslos verlaufen sei: „Ich nahm keine physiologischen Schwierigkeiten wahr. Das Gefühl der Schwerelosigkeit war ein wenig fremdartig im Vergleich mit [irdischen] Bedingungen. Hier fühlt man sich, als ob man aufgehängt ist. Offensichtlich drückt das straff anliegende Federsystem auf den Brustkorb. (..) Später habe ich mich daran gewöhnt und hatte keine unangenehmen Empfindungen.“
Während des gesamten Flugverlaufs beschreibt Gagarin in regelmäßigen Abständen seine gesundheitliche Verfassung und den Zustand der Systeme des Raumschiffs. Seine Berichte werden durch eine Funksendeanlage auf den Kurzwellenfrequenzen 9,019 MHz und 20,006 MHz sowie auf der Ultrakurzwellenfrequenz 143,625 MHz zu den Bodenstationen in der Sowjetunion weitergeleitet. Daneben können Gagarins Kommentare durch ein Tonbandgerät aufgezeichnet werden, falls sich das Raumschiff nicht in Reichweite der Erdfunkstationen befindet. In der Kapsel zeichnen zudem zwei Fernseh-Kameras eine Profil- sowie eine Frontal-Ansicht Gagarins auf.
Gagarins Arbeitspensum während des Flugs ist äußerst niedrig; die Durchführung von wissenschaftlichen Untersuchungen ist für WOSTOK 1 nicht vorgesehen. Die Zeit im Orbit nutzt Gagarin im Wesentlichen für Beobachtungen der Erdoberfläche und die Überwachung der Geräte an Bord der Kapsel. Die manuelle Steuerung des Raumschiffs ist vor dem Flug blockiert worden, da Mediziner Bedenken wegen möglicher negativer Auswirkungen des Zustands der Schwerelosigkeit auf den Kosmonauten geäußert hatten. Gagarin müsste einen sechsstelligen Code eingeben, um das manuelle Kontrollsystem zu entsichern. Die ersten drei Ziffern sind ihm bekannt, während die drei verbliebenen Stellen des Codes in einem speziellen Umschlag aufbewahrt werden, den Gagarin nur im Fall eines Verlusts der Funkverbindung öffnen darf.
Um 9:49 Uhr MSK tritt Wostok 1 über dem Pazifischen Ozean in den Erdschatten ein. Den Übergang zwischen Tag- und Nachtseite beschreibt Gagarin später als sehr abrupt. Gegen 9:51 Uhr MSK aktivieren sich die Sonnensensoren der Lagesteuerung, die das Raumschiff später für die Bremszündung ausrichten. Außerdem wird um 9:57 Uhr MSK der Befehl zum Starten des Landesystems durch eine Bodenstation in Chabarowsk an das Raumschiff gesendet. Unterdessen meldet Gagarin fälschlicherweise, dass er sich über den Vereinigten Staaten befinde, obwohl er zu diesem Zeitpunkt den Südpazifik in Richtung Kap Hoorn überfliegt. Gegen Ende des Erdumlaufs nahm Gagarin eine kleine Menge von in Tuben gepresster Nahrung zu sich. Er gab an, dass er bei der Nahrungsaufnahme zwar keine Probleme habe, die pürierten Lebensmittel aber keinen Ersatz für irdische Speisen böten. Insgesamt hatten die mitgeführten Nahrungsmittel einen Nährwert von 2.772 Kilokalorien, der von Experten der sowjetischen Akademie der Wissenschaften berechnet worden war.
Knapp eine Stunde nach dem Start beginnt Gagarin mit den Vorbereitungen für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, indem er unter anderem die Rollläden von zwei der drei Bullaugen herunterfährt und sein Helmvisier schließt. Das Wostok-Raumschiff, das um 10:09 Uhr MSK den Erdschatten verlassen hat, befindet sich derweil in einer leichten Drehung, um die Sonneneinstrahlung gleichmäßig über die Oberfläche zu verteilen. Später wird das Raumfahrzeug mit Hilfe der Sonnensensoren in die richtige Position für die Bremszündung gebracht, bei der das Triebwerk entgegen der Flugrichtung ausgerichtet ist. Um 10:25 Uhr MSK zündet die Bremsrakete TDU-1 für genau 40 Sekunden, um Geschwindigkeit abzubauen und damit den Wiedereintritt einzuleiten. Bei der Abschaltung des Bremstriebwerks über Afrika nimmt Gagarin eine leichte Zunahme der g-Kräfte wahr. Kurz nach der erfolgreichen Bremszündung kommt es zum einzigen schwerwiegenden Zwischenfall der Mission, da der größere Geräteteil des Raumschiffs sich nicht wie vorgesehen von der bemannten Landekapsel trennt. Gagarin wird sich des Problems durch die Anzeigenleuchten in der Kabine bewusst und schätzt, die zusätzliche Masse des Geräteteils würde die Landestelle der Kapsel in den Fernen Osten der Sowjetunion verschieben. Währenddessen beginnt das Raumfahrzeug sich mit hoher Geschwindigkeit um die eigene Achse zu drehen, da es mit dem Geräteteil nicht seinen natürlichen Schwerpunkt finden kann. Juri Gagarin berichtet später: „Die Rotation betrug ungefähr 30 Grad pro Sekunde, mindestens. Es war ein vollkommenes ‚Corps de ballet‘: Kopf, dann Fuß, Kopf, dann Fuß, rasch kreisend. (…) Ich hatte gerade genug Zeit mich abzudecken, um meine Augen vor den Sonnenstrahlen zu schützen.“ Auch zwei Minuten nach Ende der Bremszündung ist die Abtrennung des Geräteteils noch nicht erfolgt. Obwohl die eigentliche Trennvorrichtung die beiden Module offenbar pünktlich voneinander gelöst hatte, bleiben die beiden Komponenten durch einige Kabel lose miteinander verbunden, so dass das Raumschiff mit der schweren Landekapsel voraus in die Erdatmosphäre eintritt. Gagarin bleibt während des Vorfalls ausgesprochen ruhig und übermittelt der Bodenstation, dass alles an Bord normal abläuft. Die Abtrennung des Geräteteils erfolgt schließlich 10 Minuten später als vorgesehen um 10:35 Uhr MSK, nachdem die Kabel zwischen den beiden Modulen wegen der atmosphärischen Reibung durchgebrannt sind. Wenig später nimmt die Rotation des Raumschiffs ab.
Gagarin schildert nach dem Ende des Flugs ausführlich den Verlauf des Wiedereintritts. So berichtet er beispielsweise von einem violetten Glühen, das rund um die Bullaugen entstanden sei. Des Weiteren spürt Gagarin eine kurzzeitige Zunahme des Belastungsgrads auf 10 g, wodurch seine Sehkraft für zwei bis drei Sekunden beeinträchtigt wird und er die Instrumententafel nur noch verschwommen wahrnehmen kann. Nachdem die Kapsel die Schallmauer durchbrochen hat, nahmen die g-Kräfte wieder ab. In einer Höhe von 7000 Metern öffnet sich der Hauptfallschirm des Raumschiffs. Wenig später wird die Luke hinter Gagarins Kopf mit der Zündung einer Sprengladung abgetrennt und Gagarin zwei Sekunden darauf per Schleudersitz aus der Landekapsel katapultiert. Die Landeregion liegt nur wenig entfernt vom vorausberechneten Gebiet in der Nähe der Stadt Saratow, wo die Trainingssprünge der Kosmonauten stattgefunden haben. Gagarin trennt sich von seinem Sitz, woraufhin sich sein Fallschirm öffnet. Kurz vor dem Aufsetzen löst sich auch der Reservefallschirm, jedoch ohne sich zu entfalten oder sich in den Leinen des Hauptfallschirms zu verfangen. Um 10:55 Uhr MSK landete Gagarin nach einer Stunde und 48 Minuten Flugzeit relativ sanft in einem brachen Feld. Die Landestelle (51° 16' 49" N, 45° 58' 36" O) liegt 26 Kilometer südwestlich der Stadt Engels im Oblast Saratow, in der Nähe des Dorfes Smelowka. Als erste finden eine Bäuerin nebst Enkeltochter, einige Techniker und Soldaten Gagarin. Die leere Landekapsel geht derweil etwa 2,5 Kilometer entfernt in einer kleinen Schlucht in der Nähe eines Hauses nieder. Am Landepunkt des Raumschiffs soll in einigen Tage ein Monument errichtet werden.
Gagarin wird später von den Bergungsmannschaften zu einer Militärbasis in der Nähe von Engels gebracht, wo er ein Glückwunschtelegramm des sowjetischen Regierungschefs Nikita Chruschtschow erhält. Dem Oberbefehlshaber der sowjetischen Luftstreitkräfte meldet er über Telefon, er habe die ihm zugetragene Mission erfolgreich abgeschlossen. Anschließend wird der Kosmonaut zu einer Datscha am Wolgaufer in Samara gefahren, wo ihm sein Ersatzmann German Titow die Glückwünsche der gesamten Kosmonautengruppe übermittelt. Er erfährt zudem, dass er in den Rang eines Majors befördert wurde.
Die Nachricht des Starts von WOSTOK 1 wurde in der Sowjetunion durch eine Mitteilung der amtlichen Nachrichtenagentur TASS verbreitet. Die Meldung wurde vor dem Start im militärischen Forschungsinstitut NII-4 verfasst und im voraus an wichtige Medieneinrichtungen in der Sowjetunion gesendet. 55 Minuten nach dem erfolgreichen Start wird das Kommuniqué schließlich vom bekannten Nachrichtensprecher Juri Lewitan bei Radio Moskau verlesen: „Achtung! Hier spricht Radio Moskau. Diese Meldung wird von allen Radiostationen in der Sowjetunion gesendet: Das erste Raumschiff der Welt, ‚Wostok‘, ist heute von der Sowjetunion aus mit einem Menschen an Bord in einen Orbit über der Erde gestartet worden. Der Kosmonautenpilot des Raumschiffs ‚Wostok‘ ist ein Bürger der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Luftfahrtmajor Juri Gagarin.“
Von den offiziellen Stellen wird die Landung Gagarins am Fallschirm aus bisher unbekanntem Grund verschwiegen und stets von einer weichen Landung des Raumschiffs mit Gagarin an Bord gesprochen. In der Komsomolskaja Prawda erscheint jedoch ein unzensierter Artikel (der auch von einigen DDR-Zeitungen übernommen wird), dessen Korrespondenten mit den Dorfbewohnern des Landeortes gesprochen haben und einen wahrheitsgetreuen Bericht von der Landung enthält.

13.04.1961
Am Tag nach dem ersten Raumflug eines Menschen trägt der Kosmonaut Juri Gagarin der staatlichen Kommission eine detaillierte Darstellung des Flugs vor. Seine Ausführungen werden auf einem Tonband aufgenommen, das erst, weil dieses als "streng geheim" eingestuft wird, in einer Woche, am 19. April, den Mitgliedern des Zentralkomitees vorgespielt werden darf.
14.04.1961
Am Morgen fliegt Juri Gagarin mit einer kleinen Gruppe von Offiziellen und Korrespondenten nach Moskau, wo die offiziellen Feierlichkeiten zu seiner Rückkehr stattfinden. Bei seiner Landung auf dem Flughafen Moskau-Wnukowo hat sich in den Straßen Moskaus die größte Menschenmenge seit den Siegesfeiern im Jahr 1945 versammelt. Gagarin wird die Auszeichnung "Held der Sowjetunion" zuteil; daneben erhält er den Titel "Fliegerkosmonaut der Sowjetunion", der anlässlich seines Flugs gestiftet wurde. Ein Autokorso begleitet Gagarin zum Roten Platz, wo sich neben Angehörigen des Weltraumprogramms auch sowjetische Parteiführer wie Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew und Frol Koslow versammelt haben.
18.05.1961
Der Kosmonautenanwärter Anatoli Kartaschow, der aufgrund eines Zentrifugenunfalls aus medizinischen Gründen das Kosmonautenteam verlassen musste, wird wieder als Pilot der sowjetischen Luftstreitkräfte aufgenommen.
1963
In den beiden Jahren hat sich die erste Kosmonautengruppe der Sowjetunion deutlich dezimiert. Nach dem Tod von Bondarenko und den Verletzungen von Kartaschow und Warlamow wurden vier Kandidaten aus disziplinarischen Gründen aus der Gruppe ausgeschlossen: Neljubow, Anikejew, Filatjew und Rafikow. Somit sind von den ursprünglich 20 Kandidaten noch 13 übrig. Von ihnen warteten acht noch auf ihren ersten Raumflug.
18.02.1966
Grigori Neljubow, Ersatzkosmonaut beim ersten sowjetischen Raumflug des Kosmonauten Juri Gagarin, wird an der Bahnstation Ippalitowka in Sibirien von einem Zug erfasst und getötet. Ob es Selbstmord oder ein Unfall war, lässt sich nicht klären. Aufgrund nächtlicher Alkoholexzesse war Neljubow 1962 oder 1963 aus dem Kosmonautenteam entlassen und in den Fernen Osten strafversetzt worden.
Nächster Raumflug: FREEDOM 7
Patch Freedom 7.jpg
Nächster sowjetischer Raumflug: WOSTOK 2
Patch Wostok 2.jpg
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